Netznotizen von Michael Kumpfmüller

Der Schriftsteller Michael Kumpfmüller wurde zum zweiten Netzautor berufen. Von April bis November 2006 stellte er seine Notizen zwischen Tagebuch und Kolumne, zwischen Essay und Kalender ins Netz.

Nr.23

Donnerstag, den 8. Juni 2006

Der niedersächsische Ministerpräsident hat seine Ehe für gescheitert erklärt und bittet die Öffentlichkeit um Wahrung der Privatsphäre von Frau und Kind. Um Wahrung seiner eigenen bzw. der seiner neuen Partnerin bittet er nicht, es wäre auch vergeblich. Die Nordwest-Zeitung berichtet auf Seite eins (6.6.06); die Nachricht von der Trennung ist der Aufmacher. Was aber ist […]

Nr.22

Montag, den 5. Juni 2006

Die ersten beiden Ausgaben der Nordwest-Zeitung sind mit etwas Verspätung gekommen. In der Ausgabe vom 1. Juni gleich drei verbrannte Autowracks in Farbe an verschiedenen Punkten der Erde, dazu auf Seite eins großer Bericht über eine Bus-Entführung mitten in Oldenburg, die nach eineinhalb Stunden unblutig zu Ende geht. Ein verlassener Mann mit Alkoholproblemen wollte seine […]

Nr.21

Samstag, den 3. Juni 2006

In den Zeitungen noch immer große Aufregung um Peter Handke und den Heinrich-Heine-Preis. Vom Ende der Aufklärung und der Kunst ist die Rede, von Skandal und Zensur. Dazu im heutigen Tagesspiegel der kluge Gedanke: Es sei doch ein schöner Erfolg der Demokratie, wenn sich ein Dichter wie Peter Handke schon verfolgt fühlt, wenn er einen […]

Nr.20

Donnerstag, den 1. Juni 2006

Für 24 Stunden in Osnabrück. Erste Lesung aus den Netznotizen, danach Diskussion über das Konzept, die Rolle des Lokalen, wobei am Ende eines angenehmen Abends unter dem Dach des schönen Ledenhofes die Frage bleibt, wie viele Leser die Notizen wohl haben. Es regnet in Osnabrück. Am Nachmittag kurzes Interview im NDR, danach eine gute halbe […]

Nr.19

Montag, den 29. Mai 2006

Du lieber Himmel, schon sechs Tage seit der letzten Netznotiz, und der Mai ist auch schon fast vorbei. Offenbar gibt es in meiner persönlichen Umgebung schwarze Löcher, in denen ganze Nachmittage und Abende verschwinden, mit dem kleinen Laszlo auf dem Arm bei irgendeiner Musik, bis er endlich eingeschlafen ist. Der Vatertag war völlig verregnet in […]

Nr.18

Dienstag, den 23. Mai 2006

Schriftliches Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung. Was ich von der Stadt weiß. Sehr wenig. Auch von Lüneburg weiß ich im Grunde sehr wenig. Eine Wasserstadt. Ilmenau heißt der Fluss, dort, wo vor kurzem streikende Ärzte in Tretbooten ihre bevorstehende Auswanderung nach England und Skandinavien gespielt haben. Die große Elbe ist nicht weit, bei Bleckede […]

Nr.17

Freitag, den 19. Mai 2006

In den Berliner Boulevardzeitungen (aber nicht nur dort) wieder einmal die übliche Der-böse-Staat-greift-uns-armen-Bürgern-in-die-Tasche-Propaganda. Auch der Kommentator der Landeszeitung bemüht das abgenudelte Bild, aber am weitesten geht die B.Z., wenn sie sich darüber empört, der Verkehrsminister wolle Raser und Drängler zukünftig mit Geldstrafen bis zu 2000 Euro belegen: „Abzocke, Abzocke, Abzocke.“ Sogar Halbstarke werden inzwischen vor […]

Nr.16

Dienstag, den 16. Mai 2006

In den Berliner Zeitungen ist dieser Tage viel vom Jahr 2026 die Rede. Jemand hat ausgerechnet, wie viele Berliner Schüler in zwanzig Jahren einen so genannten Migrationshintergrund haben werden, und die Antwort ist: jeder zweite. In den USA ist schon heute nur noch jeder zweite Einwohner unter fünf Jahren ein so genannter Weißer. Die zukünftige […]

Nr.15

Freitag, den 12. Mai 2006

Seit sechs Wochen schreibe ich nun diese Notizen. Ich lese Zeitungen, kommentiere, was mir auffällt, beschäftige mich vor allem mit Politik, Staat und Gesellschaft, ihrem widersprüchlichen Verhältnis. Die Frage ist, was fehlt. Fehlt etwas? Ich reise zum Beispiel nicht viel, anders als Thomas Meinecke, der in meiner Erinnerung die ganze Zeit auf Reisen gewesen ist. […]

Nr.14

Mittwoch, den 10. Mai 2006

Ein bisschen Arbeit am Roman, ein bisschen Zeitungslektüre, sonst vor allem Logistik: Einkaufen, Kochen, Regulation der Müdigkeit, wann gibt es ein Fenster, in dem etwas geht, wann muss man akzeptieren, es geht nichts. Die Zeit wird ein kostbares Gut, man muss sie klug bewirtschaften, aber das hat mir immer gefallen an Kindern, dass sie einen […]


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