Privatsphäre beim Porno-Gucken | Köln
19. Mai 2008 von Saša Stanišić
Ich gehöre zu der breiten Schicht der Bevölkerung, die sich Dinge in Weltrekordanzahl vornimmt. Auch hier, in den Netznotizen, hatte ich mir Einiges vorgenommen, da ich aber ahnte, dass ich davon nicht viel einhalten werde, begann gleich mein erster Eintrag mit der Vorwegnahme des Scheiterns: “Ich werde mich hier radikal ehrlich irren”, hieß es da, leicht verklausuliert und zum Haare raufen schlecht formuliert, weil “ehrlich” schon die radikalst mögliche Form der Ehrlichkeit ist. Vielleicht wollte ich damit aber auch den Spieß umdrehen und die Irrung überlisten, indem ich genau das, was ich mir vornahm, eben dann nicht tat: mich irrte. Schön wär’s … Die Faulheit und die Disziplinlosigkeit würden stärker sein als solche seltsamen Motivationsversuche, sich selbst in Schach zu halten, auch das wußte ich. Also lautete der zweite Satz: “Ich werde mir hier mißtrauen.” Hätte ich das zumindest mit “ss” geschrieben, wäre mir jetzt nicht ganz so mulmig zu Mute. Leere - leere Versprechen sowieso - sind nicht Form, können nicht Form sein. Sie sind auch nicht Formlosigkeit, sie sind nicht System und nicht Kategorie; Leer ist leer, Punkt.
In Köln hatte ich eine Lesung in einem sehr großen Saal. In den sehr großen Saal passen 200 Leute. Es waren 20 da. In Amerika liest man 15 Minuten und dann stellt das Publikum 15 Fragen. In Deutschland quält man die Leute Stunden lang mit ihrem Aufmerksamkeitsdefizit und dann stellt niemand Fragen, weil alle zu müde sind, man geht lieber nach Hause einen trinken oder nicht nach Hause einen heben.
Hier ist eine Gleichung für alle angehenden Vorleser - aber, nein, ich kann keine Gleichungen erstellen, ich sag’s lieber:
Je kürzer die Lesung, desto mehr Fragen werden gestellt; je mehr Fragen gestellt werden, desto besser fühlt sich das Publikum; je besser sich das Publikum fühlt, desto mehr Bücher kauft es; je mehr Bücher gekauft werden, desto teuerer kann der Orangensaft sein, den man in den Netznotizen simulieren möchte.
Wer in dem hier ein Fazit erkannt hat, irrt nicht. Mein Vertrag ist bereits ausgelaufen, das ist schon Bonus, das ist schon Zugabe, nach der niemand verlangt hat, die mir aber gut tut.
Denn ich werde noch:
- ein Gedicht schreiben (da musst ihr durch)
- einen Text über oder mit oder zu Liebe schreiben (meint im Grunde eine letzte Jimmy-Postkarte)
- den Orangensaft simulieren (kommt gleich, habe Mangosaft im Kühlschrank)
- mich bedanken (und dabei wirklich MICH meinen).
Und ich werde nicht mehr:
- betrunken meine Liebe zu einer Frau in Barcelona äußern (die ist gar nicht mehr da und wir lieben uns auch nicht mehr)
- in Deutschlands Provinzhotels frühstücken (weil ich weder in Deutschland, noch in der Provinz bin; im Grunde bin ich in allem, was nicht Deutschland und nicht Provinz ist, nämlich New York)
- meine Blutgruppe herausfinden (weil ich, wie vor einem Jahr, immer noch tierische Angst hab vor allen Gerätschaften, die mit meinem Blut hantieren)
- eine Haftpflichtversicherung abschließen (denn das habe ich schon gemacht, obwohl ich tierische Angst vor allen Blutgerätschaften habe.)
- einen HIV-Test machen (auch schon letztens erledigt).
