LITBLOG DER NIEDERSÄCHSISCHEN LITERATURBÜROS

Privatsphäre beim Porno-Gucken | Freiburg

25. April 2008 von Saša Stanišić


 

Was wie ein Puff aussieht muss nicht zwangsläufig ein Puff sein.

Dies und einige weitere Weisheiten, Fragen, Beobachtungen der mehr oder weniger aphoristischen Art, die mir das Leben gebracht und beigebracht hat:
 

Ist eine Ausrede akzeptabel, wenn man den, der sie gerade aussprechen möchte, NICHT AUSREDEN lässt? 

Lache ich hier und lacht drüben EIN FREMDER - lachen wir miteinander? 

An einem FKK-Strand gibt es niemals Schlägereien. Schon allein die VORSTELLUNG EINES FAUSTKAMPFES UNTER NACKERTEN ist absurd. Mein Beitrag zur Friedensdebatte. 

Es ist VIEL EINFACHER ERNST ZU SEIN, ALS WITZIG. Am schwierigsten ist es aber, einfach zu sein. Einfach sein wird einem immer als trockener Humor AN DEN HINTERKOPF GEWORFEN. So wird man dann also doch als witzig hingestellt, ohne es sein zu können oder überhaupt zu wollen, und die Illusion der Witzigkeit ist das Schwierigste überhaupt. An einem solchen Fremdbild können große Menschen verzweifeln. Am liebsten wäre es ihnen dann, nur noch in Ruhe gelassen zu werden. Und das führt ZUM UNGERN TELEFONIEREN und Dialogen mit HAUSKAKTEEN.  

Es heißt: “Wer lesen kann, der ist NIEMALS EINSAM”. Das bedeutet also: “Wer IMMER EINSAM ist, der kann nicht lesen”? 

JEDES MAL nach einer Veranstaltung, auf der man INTELLIGENT RÜBERKOMMEN MUSSTE, lässt ein Teil der Intelligenten alle Hüllen fallen und sagt Dinge, die UNGLAUBLICH UNINTELLIGENT SIND, BESCHÄMEND UND MENSCHLICH und die ganze INTELLEKTUALITÄTSSCHEIßE relativieren. Das ist das Schöne an Alkohol. 

Privatsphäre beim Porno-Gucken in Freiburg. Was wie ein Puff aussieht, ist bloß die Farbe rot und ein schmieriger kleiner Fernseher. Freiburg ist die leiseste Stadt dieser Größenordnung, die mir unterlaufen ist. Sie ist so leise, dass sogar ein puffähnliches Hotelzimmer so aussieht, als würde es flüstern.

Privatsphäre beim Porno-Gucken | Amsterdam

23. April 2008 von Saša Stanišić

In Amsterdam habe ich im Goethe-Institut gelesen und einen Pullover gekauft in einem Laden, aus dem man nicht hinausgehen kann, ohne dass ein Künstler/Schneider etwas an dem gekauften Kleidungsstück verändert. Da ich das nicht wusste, kam es zur folgenden Unterhaltung, die ich aus Gründen der Faulheit auf Deutsch wiederkäue:

Verkäuferin: So, hast du dir auch schon überlegt, was du gemacht haben möchtest?

Privatsphäre beim Porno-Gucken: Gemacht? Ich finde, das passt mir gut so, ich mag es etwas enger.

Verkäuferin: Du musst aber etwas ändern lassen.

PbP-G: Moment mal, gerade hast du doch gesagt, du findest mich total sexy in dem Pulli.

Verkäuferin: Ja, klar - steht dir auch super, aber zum Beispiel die Ärmel …

PbP-G: … was ist mit den Ärmeln?

Verkäuferin: Na, gar nichts ist mit den Ärmeln, ich meine nur …

PbP-G: … ich hab sofort gedacht, die sind zu kurz!

Verkäuferin: Nein, nein, die Ärmel sind perfekt, aber man könnte überlegen, ob man nicht zum Beispiel einige weiße Punkte aufmalt oder hier an der Schulter deine Initialen.

PbP-G: Meine Initialen? Weißt du, was meine Initialen sind?

Verkäuferin: Nein …

PbP-G: SS. Soll ich etwa “SS” auf meiner Schulter tragen?

Verkäuferin: Wir müssen langsam damit aufhören, unsere Gegenwart ständig durch Symbole aus der Vergangenheit bedroht zu sehen!

PbP-G: Mein Reden, aber ich bin ohne meine Initiale auch sehr glücklich, danke.

Verkäuferin: Nein, du verstehst nicht, du MUSST etwas ändern lassen, das ist unsere Philosophie!

PbP-G: Das ist eure Diktatur!

Verkäuferin: Aber eine hochschöne!

PbP-G: Das sagen sie am Anfang alle!

Wie die Geschichte ausgegangen ist, wissen alle, die meinen rot-weißen Pullover mit der goldenen Acrylfarben-Schärpe kennen.

Privatsphäre beim Porno-Gucken in Amsterdam. Man muss sich entscheiden: will man auf den Fernseher oder auf die Grachten sehen? Da Grachten aber auch nur Wasser und Boot sind, und man auch nicht umschalten kann auf eine andere Stadt mit anderen Grachten, ist die Wahl klar. Das Zimmer - eine Vollendung an Eleganzillusion - wäre da nicht der Fernseher, dieses kleine Plastikmonstrum, das man auch noch wie zum Hohn auf den Sekretär platziert hat. Der Sekretär lud zum Schreiben an. Ich stellte mein Laptop auf die Schreibplatte und schaltete den Fernseher ein.

WAS BEDEUTET PRÄSENS? | Thomas und Saša

16. April 2008 von Saša Stanišić

Lieber Thomas,

wir kommen um ein Fazit nicht herum. Es wurde wie immer nichts und alles gesagt. Am Ende der Scrollleiste beginnt die Zeitung von vorgestern. Zerknittert wie ein zuggefahrenes Hemd. Müdes Papier, die Seiten durcheinander. Wir kommen um ein Zugeben nicht herum, dass unsere Texte für das Medium zu lang waren. Was interessiert uns das Medium?! Irgendwas interessiert einen immer, irgendeiner Art von Berechnung sind wir immer untergeben. Es gilt, die Form des Widerstands zu wählen, die dich später ruhig auf alles Getane zurückblicken läßt.

Ich bin in New York. Du bist in den ICEs, die Geschwindigkeit simulieren, um nicht zugeben zu müssen, wie traurig sie die Unausweichlichkeit auf dem Weg zu ihrem Ziel macht. Nichts ist trauriger als Determination. Ich bin in New York und determiniert, auf Menschen zuzugehen. Ich werde täglich eine Stunden lang Menschen anbieten, sie einen Block weit durch ihr Leben zu begleiten. Dann werde ich ein Foto machen, wenn sie es zulassen, und wir werden uns verabschieden. Von heutigen zehn Passanten wollte niemand mit mir diesen Zug fahren.

Begriffe, die während unserem Versuch, eine Brücke zu schlagen zwischen was auch immer, Leuten eine Brücke hierher waren:

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Wie du siehst - das Suchen resultiert immer aus einem Fehlen heraus - hier überwiegt das Fehlen nach körperlicher Zuneigung zu unseren animalischen Freunden und zu Urgroßverwandeten.

Jeans vs Anzug | Thomas

13. April 2008 von Saša Stanišić

Mein Lieber, erstens: du hast keine Ratte fotografiert, deshalb habe ich einmal Scheitern bei Dir gut. Zweitens, und apropos Aufgaben: gestern gesehen, dass das Buch “Die Leber wächst mit ihren Aufgaben” Nummer 2 bei Amazon.de ist, gleich hinter “Feuchtgebiete”. Jeder Tisch, an dem ich in den letzten vier Tagen gesessen habe, beschäftigte sich mit den Themen dieser beiden Bücher: wir sassen und tranken und irgendwann gerät das Gespräch auf Feuchtgebiet, irgendwann sagt eine Frau immer, wie sehr sie dieses Buch befürwortet und eine andere widerspricht vehement und dann tauschen fünf kurze Minuten alle die Begriffe “Duschkopf” und “Avocado” aus, eine sagt “Tabubruch” und wird literaturgeschichtlich fundiert niedergeschrieen, dann driftet das Gespräch weg von dem Buch, denn gelesen haben es die meisten nur zur Hälfte. Man lobt ihre Agenda, man zweifelt an der Umsetzung. “Die Säulen der Erde” haben alle ganz gelesen, als sie fünfzehn waren, aber darüber redet niemand. Außerdem ist man ja zum Trinken hier. Schnell redet die betrunkenere Hälfte konkret über Porno und Körper und geht dann rauchen und küssen, die anderen theoretisch über den inhärenten männlichen Blick (obwohl!, ist dann meistens das Fazit, einen weiblichen Blick im Porno kann niemand genau skizzieren, sowas scheint neben dem Klischee, dass Frauen Plotporno und Männer PornoPorno bevorzugen, nicht zu existieren. Alles ist Ware!, skandiert dann meistens der Tischpessimist, Frauen! Männer! Alles!). Dann bestellt man eine Runde Getränk, redet über die Leber des jeweils anderen und singt Medleys aus der Dreigroschenoper. Insofern scheint der Verkaufsrang von Amazon.de Aufschluss über Gesprächsthemen an deutschen Nach-Lesungs-Tischen zu geben.

Nun, du merkst, ich scheue mich vor meiner Aufgabe, die letzten Minuten im Leben der erstochenen oder erschossenen oder erwürgten Psychologin und Franz Steckenpferd zu dialogisieren (”ich erwürge sie jetzt!” - “nein” - “doch” - nein!” - “doch!” - “warum genau?” - “sie kennen meine abnorme disposition”- “ja, aber …” - “nix aber!” - “doch!” - “nein!” - “doch!”, usw., mit der bekannten Konsequenz). Ich bin kein Psychologe und ausserdem wurde mir erst gerade neulich bei einer Autorenkonferenz unter die Nase gerieben, dass Figurenpsychologie Quatsch sein, gar erzähl-faschistoider Quatsch. Davon habe ich dir ja schon erzählt.

Apropos Quatsch: etwas anderes fiel mir gerade noch ein, während ich durch Berlin spazierte (Sonntag + Sonne = Spazieren). Was bringt all diese Frauen dazu, Stiefel exakt gleicher Bauart zu tragen? Über der Hose! Am Schlimmsten in Prenzlauer Berg, mein lieber Herr Fussballschuh! Über den überengen Hosen! Als ich das gesehen habe, habe ich mich entschieden, den ganzen Sommer in Halbachthosen und individuell verschlissenen T-Shirts zu verbringen. Und dabei verstärkt zu sparen, um mir im Herbst zwei Anzüge maßschneidern zu lassen, genau wie du Weltenbürger am Mittwoch in New York. Ähnlichkeit in einer Altersgruppe ist okay, aber hier, heute morgen in den ersten Frühlingssekunden hatte sie etwas lemminghaftes (the earnest lemmingway). Ich würde zu all diesen Phänomenen ja am liebsten eine Fachfrau fragen, Veronika Kreuziger aus Göllersdorf zum Beispiel, aber Franz Steckenpferd hat das verhindert.

Ausgliederung | Saša

12. April 2008 von Saša Stanišić

Lieber Thomas, heute möchte ich dich mit einer Sache quälen, die mich selbst seit einiger Zeit kopfzerbricht. Soll die Betreuung geistig abnormer Rechtsbrecher eigentlich ausgelagert und privatisiert werden?

Nun, die finanziellen Vorteile liegen auf der Hand: Die Betreuung in der neugeplanten Justizanstalt im oberösterreischischen Asten (der Artikel oben spricht fälschlicher Weise von der “neugeplanten Justizanstalt Göllersdorf” - einem schönem Renaissancebau in der gleichnamigen niederösterreischischen Gemeinde, der allerdings schon seit etlichen Jahrzehnten existiert) würde nur an die 200 Euro pro abnormer Rechtsbrecher kosten. Momentan muss das Justizministerium mit einem Betrag von 400 Euro für die Behandlung in psychiatrischen Krankenhäusern aufkommen - die jährliche Ersparnis wird auf ca. 5 Mio Euro geschätzt.

Die Volksanwaltschaft wehrt sich wehement gegen den Gesetzesentwurf. Der Dornbusch in ihrem Auge: das medizinische und therapeutische Betreuungspersonal soll in Zukunft mittels einer privaten Agentur bestellt werden, wobei wohl - unausgesprochener Weise - zu befürchten sei, dass sich der Bund damit aus der bisherigen Verantwortung “rauskauft” und die Qualität der Betreuung schlechter kontrolierbar wird. Einer Privatisierung der Justizanstalten stünde damit nichts im Wege, womit wiederum die Beamtengewerkschaft ihre Schwierigkeiten hat.

Nun, das alles nur, um dich warm zu laufen für eine kleine Aufgabe, die ich dir stellen möchte. Auf den Wikipedia-Seiten zur Justizanstalt Göllersdorf wird sehr knapp und umso verheißungsvoller von dem folgenden Vorfall berichtet:

“Am 4. April 1995 wurde in der Justizanstalt Göllersdorf die Therapeutin Veronika Kreuziger durch den zu lebenslanger Haft verurteilten Franz Stockreiter ermordet (Franz Stockreiter stand in Vorbereitung zu seiner Haftentlassung), was zu einer veränderten Schwerpunktsetzung führte.”

Ganz abgesehen von der unbedingt spannenden “veränderten Schwerpunktsetzung” möchte ich dich bitten, uns die letzten Minuten im Leben von Veronika Kreuziger zu schildern. Und da sie diese letzten Minuten nicht allein verbracht hat, möchte ich dich bitten, das Ganze rein szenisch, ausschließlich dialogisch zu gestalten.

Ja, Thomas, bitte, die letzten Minuten einer Therapeutin namens Veronika Kreuziger oder Vera Kreuzinger, und weil die Aufgabe sicher nicht in wenigen Sekunden zu bewältigen ist - nimm dir doch bitte Zeit bis Morgen.

Und dann treffen wir uns zu einem Fazit, Ja? Sehr gut!